MANIFEST

Es gibt kein Denken ohne Sprache. Wer philosophische Grundlegungen wie diese heutzutage antiquiert findet, kann diese Erkenntnis auch auf neuere Forschungsdisziplinen wie etwa die Kognitionswissenschaften oder die Neurolinguistik stützen.
Digitale Evangelisten werden an dieser Stelle kurz zucken und einwenden wollen, dass es doch bald Errungenschaften wie etwa BCIs (#Brain-Computer-Interface) geben könnte, mit denen eine verbale Kommunikation kurzerhand umgangen und Gedanken als (oder sogar in) Gedanken übertragen werden. Solche Tools wird es über kurz oder lang vermutlich geben, aber auch ihre Funktionalität basiert darauf, dass wir zuvor das Denken über eine Sprache gelernt haben. Ob und auch wie wir denken, wird also von Sprache mitbestimmt. Was wir denken, bestimmt wiederum, was wir für möglich halten, und was wir für möglich halten, bestimmt, was wir uns zutrauen – oder auch nicht. Dass Sprache dabei diskriminierend sein kann, ist keine neue Erkenntnis. Sie diskriminiert allerhand Gruppen, weil aber heute Weltfrauentag ist, nehme ich mir die Freiheit, einzig über ein Phänomen nachzudenken, das zuvorderst Frauen betrifft: das generische Maskulinum.
Einige werden jetzt denken „Echt? Das haben wir doch irgendwie hinter uns … wir haben doch jetzt Möglichkeiten gefunden, wie wir das lösen können.“ Haben wir. Irgendwie. Und dennoch wurde im Bundesrat just in der vergangenen Woche der datenhungrigen „Bürgernummer“ (soll die Steuer-ID ersetzen) der Weg bereitet. Dabei würde ich vermuten, dass in diesem Land der Anteil weiblicher Bürgerinnen (aufgrund demografischer Aspekte) leicht überwiegt. Und dennoch. 2021. Generisches Maskulinum für sie.
Ich will an dieser Stelle nicht undankbar erscheinen. Sowohl der gendernde Schrägstrich als auch der Großbuchstabe oder der Doppelpunkt, die jeweils ein angehängtes Femininum signalisieren sollen, waren und sind an vielen Stellen ein sanfter Fortschritt, um anzudeuten, dass Frauen nicht einfach nur im generischen Maskulinum „mitgemeint“, sondern nomineller Bestandteil einer Gesellschaft sind. Gleichzeitig hinterlassen diese Ergänzungsvarianten nicht nur bei Sprachästheten manchmal das Gefühl eines seltsam ungelenken Appendix, der nur für den Fall der Fälle mitangehängt wird. Betrachtet man es analytisch, kann man an dieser Stelle auch den Aspekt einer systematischen Nachrangigkeit nicht außer Acht lassen. In nahezu allen Varianten immer erst über den Appendix adressiert zu sein, macht den 2. Rang für Frauen damit zu einer ganz normalen sprachlichen Selbstwahrnehmung. Und das wird auch mit dem „Gendersternchen“, das es inzwischen ja zu einer gewissen gesellschaftlichen Popularität gebracht hat, nicht gelöst. Überhaupt könnte man es aus Marketingsicht, höflich formuliert, als etwas unglückliche Wortschöpfung bezeichnen. Ein Wording im Diminutiv war hier sicher nicht die gescheiteste Wahl. Klar, der Asterisk sieht irgendwie sympathisch und nicht so feministisch verspannt aus, aber seine Verniedlichung zum Stern„chen“ lässt vermutlich nicht nur bei Skeptikern und Gegnern einer gendergerechten Sprache die Assoziation aufkommen, dass wir es hier vielleicht doch nur mit einem Problem„chen“ zu tun haben.
Diesem Trauerspiel aus Diminutiven will ich heute nicht weniger als eine Utopie entgegensetzen. Keine politische, sondern eine poetische Utopie; eine, die sich erstmal „nur“ auf Sprache konzentriert: Ich rufe ein Jahrhundert des generischen Femininums aus! (Utopien, das wissen versierte Utopisten, beziehen ihre Kraft aus der Tatsache, dass praktische Realisierung nicht ihr vorderstes Ziel ist.)
Sozusagen als sprachliche Re/Sozialisierung gegenüber dem jahrhundertelangen Mitgemeintsein im generischen Maskulinum. (Zivilisationsgeschichtlich ist ein Jahrhundert also lediglich ein sehr kurzer Ausgleichszeitraum.) Welche Poesie, welch inspirierende Sprachirritationen könnten in der Beschau eines Jahrhunderts liegen, in dem die Alltagssprache angefüllt (gewesen) wäre mit dem generischen Femininum. In allen Bestsellern, Blockbustern, Feeds, Posts, Tweets, Loops und Videos, in der Bundesliga, in Behördenschreiben, vor dem internationalen Gerichtshof in Den Haag – überall das generische Femininum. (Und dort, wo sprachlich bisher keines existierte, erfindet der vielzitierte Innovationsgeist unserer Zeit einfach neue Begriffe.) Es wäre von Marodeurinnen, Machthaberinnen, Generalinnen die Rede; von Funktionärinnen, Vereinsbossinnen, Gigantinnen, von Demokratiefeindinnen und Putschistinnen, von Aufsichtsrätinnen, Spekulantinnen und Alumnae, von Waffenhändlerinnen und Modepäpstinnen; und im Land der Dichterinnen und Denkerinnen natürlich auch von Jahrhundertautorinnen und Flaneurinnen – egal, ob es sich dabei um Männer oder Frauen handelt.
Ich kann verstehen, wenn sich an dieser Stelle nun der ein oder andere männliche Leser fragt, ob er sich vielleicht von einer Sprache im generischen Femininum ausgegrenzt oder nicht ausreichend angesprochen fühlen würde. Die augenzwinkernde Replik, die Frauen in den letzten Jahrhunderten von Männern auf diese Frage häufig erhielten „Wegen so einer Kleinigkeit muss man doch kein Fass aufmachen, natürlich ist dein Geschlecht bei dieser Formulierung mitgemeint.“ verkneife ich mir an dieser Stelle. Hilfreich erscheint mir viel eher der Erfahrungsschatz von Frauen in dieser Angelegenheit. Ich beispielsweise (sprachlich sozialisiert im letzten Jahrhundert) habe einen Benutzernamen, eine Patientenakte und ein Kundenkonto, und das fühlt sich für mich völlig normal an. In der Regel fühle ich mich augenblicklich angesprochen, ohne nachdenklich zu werden. Manchmal irritiert es mich in der Alltagskommunikation beinahe mehr, in der korrekten weiblichen Form adressiert zu werden, als mich im generischen Maskulinum mitgemeint zu fühlen. Wenn diese sprachliche Sozialisierung also bei Frauen funktioniert (hat), gibt es aus soziologischer/kognitiver Sicht eigentlich keinen Anlass zur Annahme, weshalb dieser Prozess nicht umgekehrt in männlichen Gehirnen funktionieren sollte. Dann könnte es sich mit dem generischen Femininum eines Tages ebenso verhalten wie mit Brain-Computer-Interfaces. Aus dem, was ehemals als ferne Utopie und vielen von uns ein bisschen unheimlich erschien, könnte ein Impuls werden, der die Rahmenbedingungen des Denkbaren verändert.
* Als Teil einer diversen Gesellschaft schließe ich mich jenseits des Weltfrauentages natürlich der Forderung nach einer grundsätzlich geschlechtergerechten Sprache für alle an.
8. März 2021, Dr. Stephanie Anne Kathrin Frank