
In der Popkultur ist Eklektizismus längst nicht mehr nur eine Methode, sondern vielmehr kulturelle Praktik, die gesellschaftspolitische Diagnosen ebenso forciert wie – je nach Interessenlage – gewünschte oder unerwünschte Kommerzialisierungen. Eben jener eklektischen Popkultur wurde 2024 mit Verve ein neues, globalisiertes Feld bereitet: Country. Nicht als Musikstil, sondern als glamourös inszenierter Kulturkampf, dessen Akteur:innen vor allem über soziale Medien das Prinzip der Popkultur als Wechselspiel kurzweiliger Produktion und Reproduktion perfektionieren.
Alternative Lebensentwürfe, die als gezielte Provokationen deklariert werden und letztlich doch als virale Kommoditäten bei den anvisierten Zielgruppen ankommen. Mit Stil-Ikonen, die als inhärente Konsumtreiber fungieren – Brands aus aller Welt verdienen so gut wie nie zuvor an Jeans, Cowboy-Boots und Wildlederfransen. Und das, obwohl vermeintliche Provokationen – also zu zeigen, dass Country-Kultur mehr ist als nur die Musik von weißen Waffenträgern – eine fast so lange Tradition haben wie das Genre selbst.
Dass zu den ersten Cowboys auch afroamerikanische Sklaven zählten, dass die Musik ihre Wurzeln im Blues hat und dass es in den letzten einhundert Jahren immer wieder afroamerikanische Künstler gab, die versucht haben, die Phalanx an weißen Country-Stars zu durchbrechen, ist weithin bekannt. Was dieser Tage neu ist, ist der als kategorisch inszenierte, gesellschaftspolitische Scheideweg, an dem Country verortet wird. Als Sinnbild eines Kulturkampfs zwischen einem reaktionären Wertesystem und einer liberalen und diversen Gesellschaft, in der Country auch schwarz, queer und feministisch sein kann – allen voran mit musikalischen Influencern wie etwa Lil Nas X oder Beyoncé.
Angesichts der gesellschaftspolitischen Relevanz, die der popkulturelle Country-Diskurs aktuell für sich reklamiert, mag die Idee, die zu COW COW! führte, als sozio-kulturelle Marginalie erscheinen: Zwar findet im Wertekosmos des Country in der aktuellen Stilisierung eine vollständige Neubesetzung statt – die ikonographischen Elemente zeigen sich aber als die ewig gleichen. Reitende Cowboys oder Cowgirls, Westernpferde, Lassotricks, Cowboyhüte und Gitarren, Pick-ups und Waffen – diese Figurinen des ruralen Nordamerikas werden zwar teils überzeichnet, dienen aber immer noch als zentrale Ikonographien. Gänzlich unterrepräsentiert bleiben dabei nach wie vor jene, die doch eigentlich grundlegend für die Entwicklung des ruralen Raums waren, aus dem der nordamerikanische Country entstand: Rinder.
Ohne Rinder keine Cowboys (Kuhhirten), ohne Cowboys keine Country-Kultur. Auch in der aktuellen Country-Ikonographie ist das Rind (im Gegensatz zum stilisierten Pferd) meist nur eine Randerscheinung.
Dabei hat die Attitüde, die manche Tiere an den Tag legen, durchaus Potenzial zur Stilisierung. Auch hier gibt es Anlagen zu It-Girls und Womanizern. Und die Verhaltensforschung zeigt, dass Rinder neben einer vergleichsweise hohen Intelligenz auch eine hohe Sozialkompetenz an den Tag legen. Rinder können also schön, schlau und sozial sein und bleiben dennoch ebenso unterrepräsentiert wie vormals Blackness, Queerness und Feminismus in der Country-Popkultur. Mehr noch, sie sind gesamtgesellschaftlich in einem Diskurs situiert, in dem es mal um die Größe ihres Euters, mal um ihre Bilanz als Klimaschädlinge geht.
COW COW! – DARLINGS OF COUNTRY erlaubt sich hier mit einer Mikro-Schau einen veränderten Blickwinkel, der (mal ernst, mal ironisch) zeigt, wie viel „Lifestyle-Potenzial“ in diesen Tieren steckt. Dabei ermöglicht die Schau Analogien zu menschlichem Verhalten und Akteuren der Popkultur und nimmt zudem auf einige sozio-kulturelle Phänomene Bezug, die auch hierzulande als ikonographische „DARLINGS“ des Country fest in bestimmten Wertesystemen verankert sind.




